Dorfgeschichte 2: Ferienhäuser am Kaienspitz?


Ferienhäuser am Kaienspitz?

Es ist Donnerstag Nachmittag am 14. März 1963. Es klopft an der Türe von Fässlers auf Gigeren. Mutter Anni öffnet die Türe. Ein junger sportlich aussehender Mann, leger gekleidet, mit offenem Hemd steht da. „Guten Abend. Ich bin Christoph Kölbener, Architekt von Diepoldsau. Ich habe da eine Idee, die sie interessieren wird. Darf ich hineinkommen?“ Anni führt ihn in die Stube. Ihr Mann Jakob Fässler ist gerade beim Zeitungslesen, bevor er dann in den Stall geht. „Also nur kurz, wir haben nicht viel Zeit.“ Kölbener schwärmt von Fässlers Grundstück am Kaien mit der wunderbaren Aussicht vom Säntis bis zum Pilatus, ins Fürstenland und zum Bodensee. „Da kann man sich gut erholen. Viele gestresste Städter würden sich gerne ein Ferienhäuschen in so einer wunderschönen Landschaft wünschen. Ihr Grundstück am Kaien ist für so etwas hervorragend geeignet. Er werde gut bezahlen, viel mehr als das Landwirtschaftsland Wert ist. Sie haben dann genug zum Leben bis an ihr Ende und können Ihre Arbeit ruhiger nehmen, da sie nicht mehr auf Verdienst angewiesen sind.“ „Ho, ho“ macht Fässler, „wir verkaufen keinen Quadratmeter Boden. Da gibt es nichts zu verhandeln!“ Kölbener gab sich nicht geschlagen „aber Herr Fässler, das wäre leicht verdientes Geld und sie wären saniert.“

Das ist nun doch zuviel für Jakob Fässler „wir waren nie auf Geld angewiesen, das wir nicht selber erwirtschaftet haben und jetzt machen sie, dass sie unser Haus verlassen.“

Gigeren Rehetobel

Und so fährt der Architekt Kölbener mit seinen Plänen und seinem Sportwagen unverrichteter Dinge wieder ab.

Gigeren Rehetobel

Im Restaurant Löwen unten im Dorf macht er noch einen Halt. Er will wissen, ob es nicht doch Leute im Dorf gibt, die seine Pläne unterstützen. Da sitzen tatsächlich einige Rehetobler. Er setzt sich zu ihnen an den Tisch und erzählt von seinen Plänen. Sie sind begeistert. Endlich hat einer Mut und Zuversicht so einen grossen Wurf zu realisieren und wirtschaftliche Impulse in die Gemeinde zu bringen. Das wäre zukunftsweisend für die Gemeinde. Bauaufträge würden folgen, Ferienleute würden im Dorf einkaufen und in den Restaurants einkehren. Der Tourismus könnte zu neuem Leben erweckt werden. Beherbergungstaxen würden fliessen. Es herrscht Aufbruchstimmung.

Der Löwenwirt Karl Fässler findet auch, das Dorf sei am Schlafen und es müsse etwas geschehen. Aber etwas unwohl ist es ihm doch bei dem Gedanken, dass der Kaienspitz überbaut werden sollte. So beschliesst er, mit dem Gemeindehauptmann Alfred Tobler darüber zu reden.

Etwas aufgebracht von dem Besuch ist Jakob Fässler dennoch. Vor drei Wochen hat er mit dem Kantonsoberförster Ehrbar, der das landwirtschaftliche Meliorationsamt unter sich hat, über sein landwirtschaftliches Betriebskonzept gesprochen. Ehrbar hat ihm empfohlen, eine neue freistehende Hallenscheune zu bauen. Die Versorgung der Tiere und die Futterlagerung seien viel rationeller zu bewältigen. Zudem müsse ein neuer, grösserer Jauchekasten erstellt werden. Wegen des Umweltschutzes sei das dringend notwendig. Die Beiden haben gerechnet, wie das zu finanzieren wäre und etwas Land muss schon noch zugepachtet werden. Etwa vom alten Bänziger an der Halden, meint Ehrbar. Neben dem Eigenkapital und den Meliorationskrediten fehlen aber noch 10’000 Franken. Das wäre noch, wenn er dieses Geld nicht zusammenbringt, denkt Fässler. Nein, er wird kein Landwirtschaftsland als Bauland verkaufen. Er braucht das Land für die Bewirtschaftung. Zudem würden ihn die fremden Eigentümer aus der Stadt bei seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit behindern. Er wäre nicht mehr sich selber. Wanderer könnten sich am Aufstieg zum Kaienspitz nicht mehr erfreuen. Autos würden hochfahren. Nein, da hat er genügend Eigenverantwortung. Er wird keinen Quadratmeter verkaufen.

Der Präsident des Gewerbevereins, der von den Ferienhausplänen am Kaienspitz erfährt, erachtet diese als grosse Chance für die Gemeinde und macht öffentlich Druck und versucht Fässler zum Verkauf von Bauland zu bewegen. Das ist eine einmalige Gelegenheit, die sich die Gemeinde nicht entgehen lassen darf.

Gemeindehauptmann Alfred Tobler ist über die Entwicklung die sich hier anbahnt besorgt. Die intakte Landschaft oberhalb des Dorfes ist unsere einzige Ressource, die wir nicht kurzfristigem Gewinnstreben preisgeben dürfen. Er weiss von der vor kurzem gegründeten Stiftung Pro Appenzell, die sich zum Ziel gesetzt hat, die freie Natur vor störenden Eingriffen zu schützen. So setzt er sich mit dem Rehetobler Regierungsrat Jakob Langenauer, der Mitglied des Stiftungsrates ist, in Verbindung.

Es dauert nicht lange, da taucht Oberförster Ehrbar, der auch Mitglied der Stiftung ist, bei Fässlers auf. „Im Stiftungsrat hat man von Überbauungsplänen am Kaien Kenntnis genommen und mich beauftragt, mit ihnen zu verhandeln. Wie wäre es, wenn sie einen Dienstbarkeitsvertrag zu Gunsten der Stiftung Pro Appenzell unterzeichnen, mit dem Ziel den Kaien vor Überbauung zu schützen und die Aussicht zu wahren. Im Gegenzug gewähren wir Ihnen einen einmaligen Beitrag von 10’000 Franken. Damit wäre auch ihr Stallneubau finanziert.“

Das ist die Lösung, sich vom Druck auf ihn zu befreien. Jakob Fässler fühlt sich glücklich. Er kann seinen neuen Stall bauen und der Kaienspitz bleibt der Landwirtschaft, der Natur und den Erholungssuchenden erhalten. Er unterschreibt den Vertrag am 8. Juni 1963. Aus Dankbarkeit überlässt er den Schopf auf dem Kaienspitz dem Verkehrsverein zur Nutzung und duldet dort auch eine Feuerstelle.

Gigeren Rehetobel

Dank damals weitsichtigen Behörden gilt heute, nach 52 Jahren der Kaienspitz immer noch als Leuchtturm der Gemeinde der weitherum in drei Länder leuchtet und an dessen Klippen sich kein Fahrzeug heranwagt. Den Landwirtschaftsbetrieb, wie ihn Jakob Fässler aufgebaut hat, bewirtschaftet heute in dritter Generation sein Enkel Jakob. Dem Gewerbe im Dorf geht es nach wie vor gut. Die Naherholungssuchenden erfreuen sich an der intakten Landschaft.

Siehe: Staatsarchiv, Stiftung Pro Appenzell, privatrechtlich geschützte Objekte, Nr. 13.3.02


19. November 2015 Heinz Meier, ehem. Aktuar der Stiftung Pro Appenzell