Dorfgeschichte 1: Eine wahre Begebenheit


Eine wahre Begebenheit aus Rehetobel

Es war einmal eine schöne Aussichts-Wirtschaft…
oben auf dem Weiler Berg. Sie hiess „Fernsicht“ und war – ähnlich wie der Gupf – weitherum als Aussichtsrestaurant bekannt. An schönen Sonntagen war die Gartenwirtschaft voll besetzt von Ausflüglern aus nah und fern. Die Freiluft Kegelbahn wurde von einheimischen und auswärtigen Besuchern gerne benützt. Sommers beherbergte die Fernsicht, die auch über ein schmuckes kleines Sälchen verfügte, Ferienkolonien. Zum Betrieb gehörte eine Landwirtschaft mit einer respektablen Grundfläche an gut zu bewirtschaftendem Boden.

Auf diesem Grundstück mit der Aussicht auf Bodensee und Alpstein fand jährlich die Rehetobler Bundesfeier mit dem damals gepflegten, schier rituellen Ablauf statt: Musikgesellschaft, Gesangvereine, Turnverein mit Pyramiden und selbstverständlich ein – meist hergerufener, mehr oder weniger prominenter Redner. Volk und Vereine versammelten sich zuvor auf dem Schulhaus-Platz, um dann in einem von der Musikgesellschaft angeführten Umzug auf die Fernsicht zu wandeln, dem Treffpunkt gemütlichen Beisammenseins der Dorfgemeinschaft.

Eines Tages wurde der Betrieb verkauft. Irgendwann war daraus eine AG geworden: Haus Lauterborn AG. Das Angebot des neuen Betriebs in der Art einer Erholungsstätte war ein gut klingendes Konglomerat von allerlei Philosophien und Heilmethoden. Ein überwältigender Zulauf war allerdings nicht festzustellen.

Das dauerte eine Zeit lang. Das Raumplanungsgesetz trat stufenweise über Notrecht in Kraft, Landwirtschaftsboden hatte seinen Status grundsätzlich zu behalten und konnte nicht mehr ohne weiteres als Bauland verkauft werden. Nach einiger Zeit mutierte die Haus Lauterborn AG, unmerklich, wie dies bei Aktiengesellschaften (frz. Société Anonyme S.A) üblich ist, und war plötzlich in ganz anderen Händen. Heute ist dort, wo einmal das Aussichtsrestaurant „Fernsicht“ war, die Neuchristen-Vereinigung.

Merke: Wer mit einer AG einen Vertrag abschliesst, verliert den Einfluss auf die Besitzesübertragung und eigentlich auch weitgehend über den Fortgang der anonymen Gesellschaft.


30. Oktober 2015 Arthur Sturzenegger, Dorfchronist